Die Fantastischen Vier – Heimspiel – Konzert-Kritik
Dienstag, 28. Juli 2009 | Autor: Michael
“Bring It Back The Old Stuttgart Rap!” tönte es lautstark über 60.000 Köpfe hinweg, bevor die Soundanlage kapitulierte und es auf einmal sehr ruhig wurde auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart.
Thomas D. eilte anschließend hinter die Bühne um mit einem Megaphone wiederzukehren und die vorderen Reihen der Zuschauer mit aufmunternden Sprüchen zu unterhalten, derweil Smudo sich live vor den Kameras des ZDF in aller Ruhe einen Tee eingoß.
Abwarten und Tee trinken war also die Devise bis die Tontechnik den Patzer im Griff hatte und das “Heimspiel” Open-Air Konzert der Fantastischen Vier mit einem weiteren Kracher in die zweite Halbzeit ging.
“20 Jahre Die Fantastischen Vier” war das Motto zu dem sich zehntausende von Fans aus ganz Deutschland in Stuttgart trafen um in deren Heimatstadt das Jubiläum zu feiern. Die Fantas gaben sich natürlich nicht alleine die Ehre, sondern fuhren, ausser einer riesigen Bühne mit Laufsteg und Minibühne die weit ins Publikum reinragte, auch ein 50 köpfiges Orchester auf, welche die Band im Unplugged-Stil begleitete. Zusammen mit den Vorgruppen Mamas Gun, Christoph Sonntag und Clueso, war für stundenlange Unterhaltung gesorgt.
Mancher Fan, so wie ich, machte sich Anfangs noch sorgen darüber, dass auf Grund des Orchesters die Show eher ruhiger ablaufen könnte. Doch schon nach den ersten Minuten wurde klar, dass diese Sorge unbegründet war. Zu den ersten Klängen von “Was geht” kamen die Vier direkt durch das Publikum auf die Bühne gelaufen. Man merkte ihnen eine gewisse Unruhe an, aber es schien, als wenn das Lampenfieber die Energie der Fantas eher anstachelte.

Leider stand ich nicht sehr weit vorne, sondern eher ziemlich genau in der Mitte des Platzen, so dass ich das eher zweifelhafte Vergnügen hatte, meine Blicke entweder auf die weit entfernte Bühne oder auf die Leinwand zu werfen. Es ist eben doch ein ziemlicher Unterschied, ob man die Fantastischen Vier in einer Clubatmosphäre oder einem großen Open-Air zu sehen bekommt. Beides war definitiv ein Erlebnis, obwohl die kleineren Konzerte mir persönlich immer am besten gefallen hatten (z.B. vor einigen Jahren im Cannstatter Reitstadion, ebenfalls im Sommer und unter freiem Himmel)
Ein paar Punkte haben mich beim Heimspiel Konzert leider ein wenig gestört. Erstens, hatte ich rückblickend das Gefühl, als wenn diese Veranstaltung ein wenig zu sehr nach Fahrplan verlief. Das betraf sowohl die Vorgruppen (wobei hier meiner Meinung nach Clueso, grade wegen seiner Beliebtheit in Suttgart, viel zu kurz kam), als auch das Konzert selbst, welches quasi auf die Minute genau anfing und auch (fast) genauso pünktlich endete. Sicherlich war diese Tatsache auch der Liveübertragung durch das ZDF geschuldet, welche das Konzert auf dem digitalem ZDF Dokukanal übertragen hat.
Was den Aufbau der Tribühnen betrifft, glaube ich, dass man dies hätte auch besser lösen können. Es gab zwei riesige sich gegenüberstehende Sitztribühnen auf welchen hunderte von Fans zuerst saßen und später standen (diese Tickets waren übrigens auch ausverkauft, Stehplatztickets gab es dafür, dank des großen Wasengeländes, noch genug an der Abendkasse). Und genau das war, denke ich, auch das Problem: die Leute standen auf der Tribühne. Die Sitzreihen waren aber nicht zur Hauptbühne ausgerichtet, was den Effekt hatte, dass die Zuschauer zwar erhöht standen, aber jeweils nun die eigene Sitzreihe, mehr oder weniger, direkt vor dem Gesicht hatten. So gesehen hätten viele dann auch einfach unten im Stehplatzbereich stehen können.
Zweitens, das Catering wurde direkt im Schatten des Soundcheckturms aufgebaut und zog sich in grader Linie mittig zwischen den beiden Sitztribünen durch den Platz. Das hatte zwar den Vorteil, dass es die Zuschauer zu Getränken und Essen nicht weit hatten, sorgte aber ausser für weniger Platz auch für jede Menge Trubel und Lärm. Nun könnte man Fragen: “Wen interessiert der Lärm, die Fantas werden es doch laut genug haben krachen lassen?” Eben.
Drittens, war es viel zu leise ;-)
Ok, jetzt ist ein lautes Open-Air auch relativ und natürlich würde ich gnadenlos übertreiben wenn ich das Heimspiel Konzert mit einem Konzert von Guns’n Roses, ebenfalls auf dem Wasen, vergleichen würde. Trotzdem fühlte ich mich neulich letztendlich bestätigt, als ich in der Esslinger Zeitung aus dem Polizeibericht erfahren habe, dass das Konzert nicht nur besonderst störungsfrei (was Alkohol und Autofahrer betraft), sondern auch besonderst ruhig verlief. Zitiert wurde dort die Tatsache, dass bei anderen Konzerten “die Fensterscheiben in unmittelbarer Nachbarschaft zitterten”, wärend die Fantastischen Vier in der nicht weit entfernten “Cannstatter Mitte schon nicht mehr gehört wurden”.
Gut, auf der einen Seite ist es natürlich sowohl kostspieliger als auch teurer so ein Großereignis noch besser zu beschallen, zumal dies mit einem Orchester im Freien ohnehin nicht einfach ist. Der leichte Wind hat an diesem Abend schon gelangt um den Klang davon wehen zu lassen. Trotzdem, mir war es in der Mitte des Platzes schon viel zu leise. Ich konnte mich mit den umstehenden Leuten ohne Anstrengung unterhalten und dementsprechend störend war der Lärm aus den Cateringzelten. Apropos: schlimm wurde es nochh weiter hinten. Dort stand ein Tabak Werbestand, auf welchem ständig Musik aufgelegt wurde. Wärend der Pause zwischen den Stücken war dieser oft deutlich zu hören gewesen, inbesondere zwischen den Zugaben.
In Höhe des Soundcheckturmes waren noch an zwei Säulen Lautsprecher angebracht um die Musik in die Mitte, zu den Sitzreihen und nach hinten gleichmäßig zu verteilen, aber eben diese waren leider viel zu leise. Als zwischen der Zugabe noch alte Videoclips der Fantas auf der Leinwand gezeigt wurden, habe ich davon leider nichts mehr verstehen können. Mir blieb nichts anderes übrig als mich auf den aufgenommenen Live-Mitschnitt zu Hause zu vertrösten :-)
Die Masse der Fans vor der Bühne und bis zur Minibühne hatte es sicherlich am besten getroffen. Es ist nun mal so, dass es ab einer gewissen Zuschauerzahl einfach unübersichtlich wird. Gehört man nicht zu den Fans die schon stundenlang auf den vorderen Plätzen den Mittag über ausgeharrt haben, hat man besser ein Fernglas dabei.
Was aber die Show betrifft, so war diese zweifelos einer der ganz großen Auftritte der Fantastischen Vier gewesen. Die Orchesterbegleitung war immer passend und hat vielen Stücken nochmal extra Pepp gegeben, Hausmarke war oft an den Plattentellern tätig und scratchte auf Teufel komm raus, Andy Y. hatte ohnehin wieder alle Hände voll zu tun, wobei auch er ab und zu mit auf der Minibühne zu sehen war (!) und Thomas D. und Smudo gaben 1000% Vollgas. Die Fans gingen mit, es wurde kräftig gehüpft und die Hände nach oben geworfen und viele konnten noch die ältesten Texte auswendig mitsingen. Bis vielleicht auf ein paar ganz, wirklich ganz alte Titel welche in einer Art von Medley-Remix von Smudo und Thomas gekickt wurden, quasi auf Jugendhaus–Terminalteam-Niveau ;-)
Die Trackliste war bunt gemischt: Klassiker wie Tag am Meer, Sie ist Weg, MFG und Krieger, mischten sich mit Oldies wie Die Da und Spießer und aktuelleren Tracks wie Troy. Natürlich durfte auch der Picknicker nicht fehlen und als Zugabe gab es dann schließlich noch Populär auf die Ohren. Auch Thomas D. konnte seine Tätowier-Meisterleistungen nochmal im vollen Scheinwerferlicht präsentieren, als er allein aber voller Energie seinen Krieger aufmaschieren lies und später nochmal leidenschaftlich mit der Kettensäge Smudo bei “Schizophren” begleitete.
Passend zum Geburtstag trugen die Fantas zur Zugabe dann Smokings, mancher von ihnen kam hier nochmal ordentlich ins Schwitzen ;-)
Ein wenig spielten die Vier auch mit ihrem Alter, machten Scherze darüber, dass sie sich nun zwischendurch auch mal auf Barhockern sitzen müssten um den Abend zu überstehen, nur um später wieder wild über die Bühne zu toben, ganz so als wären keine 20 Jahre sondern erst 5 Jahre vergangen. Michibeck schien hier noch eher unausgelastet zu sein, vielleicht hat er durch seine ständigen Touren als Turntablerocker die meiste Kondition (oder auch eben nicht, je nachdem), Thomas D. am aufgeregtesten und Smudo einfach imposant, da er zwar den Eindruck machte, als wenn er grade eine ungewollte Extremsportart durchlebte, aber trotzdem nie einen Moment ins Stocken geraten ist. Ein Glück für alle, dass der ruhige Pol namens Andy Y. (zumindest äusserlich ruhig) musikalisch und vor allem rythmisch alles voll im Griff hatte. Ich schätze, würde Andy ebenso auf der Bühne rumtoben wie die anderen Drei der Vier, dann wäre bald Schluss mit lustig und nichts würde mehr laufen…
Jedenfalls, hier war einfach Feuer drin und man hat allen jederzeit angesehen, dass sie viel Spaß daran hatten vor ihrem Heimatpublikum aufzutreten und alles zu geben. Nach über 2 1/2 Stunden und einem abschließendem Feuerwerksknall ging das Heimspiel dann zu Ende. Relativ unaufgeregt und ausgepowert gingen die Fans dann ihre Wege.
Einen kleinen Rest hat es wohl sicher noch zur After-Show Party in die Schleyerhalle gezogen. Meine Wenigkeit aber nicht. Nachdem ich schon das VIP Ticket für die Jazzopen in Stuttgart in vollen Zügen genossen hatte, waren mir die 135,00€ für das Partyticket dann einfach zu überteuert, zumal fehlende Infos darüber (was geht genau auf der After-Show ab, gibt es Essen und Getränke, spannende Musik und ne lange Party?) einen Ticketkauf eher abgeschreckt haben. Aber vielleicht kann mir ja der ein oder andere von euch erzählen wie es dort noch war? Über euere persönlichen Heimspiel-Erlebnisse sowie Meinungen würde ich mich natürlich auch freuen!
Weiter unten findet ihr die Trackliste des Heimspiels, Musikempfehlungen und den Sendetermin des Live Mitschnittes.
Update:
Man könnte vielleicht meinen, dass ich auf hohem Niveau über das Heimspiel meckern würde. Das ich aber nicht alleine mit meiner Meinung zur Tonproblematik stehe, kann man den Leserkommentaren bei folgendem Artikel der Stuttgarter-Nachrichten entnehmen.
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/stn/page/detail.php/2140670/feedback12
Es bleibt dabei: sollte man es nicht bis vor die Leinwand oder in einen der ersten Wellenbrecher geschafft haben, wurde einem das Konzert leider durch die schlechte Akkustik etwas vermießt. Natürlich kann ich nachvollziehen, dass die Fans weiter vorne damit kein Problem hatten und auch die TV Aufzeichnung astrein rüberkommt, doch wie gesagt, stand ich selbst sehr mittig und kann daher verstehen, dass die Fans weiter hinten kaum in den musikalischen Genuß kamen, den die Fantas sonst bieten (und mit dem Orchester auch bieten wollten). Hier wäre schlichtweg einfach mehr Power angesagt gewesen, insbesondere bei bis zu 60.000 Gästen.
Sendetermine des Heimspiel Live-Mitschnitts im TV:
Das Konzert wird im Spätprogramm des ZDF in der Sendung “ZDF in concert” übertragen am
Samstag, 22. August 2009 von 0:40 Uhr – 1:40 Uhr
Im folgenden noch die, nicht vollständige, Trackliste vom Fanta 4 Heimspiel:
(in unsortierter Reinfolge!)
Was Geht
(mit Mix von Beyoncé Crazy In Love
Tag am Meer (Original)
Pipis Und Popos
(mit Mix von Rage against the machine)
Sie Ist Weg
IchisIchisIchisIch
MFG
Troy
Bring It Back
(the old Stuttgart rap)
Die Da!?!
Krieger
Liebeslied
Sommerregen
Populär
Schizophren
Spießer
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